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Familie in gesellschaftlichem Wandel

Eltern, die sich in Richtung „Familie“ auf den Weg machen, spüren häufig, dass sie sich auf unsicherem Terrain bewegen. Für einige Eltern führt dies zu einer großen eigenen Verunsicherung, andere fühlen sich positiv herausgefordert und blicken mit Neugier und Spannung auf die vor ihnen liegende, noch ganz unbekannte Lebensphase.
Die gesellschaftlichen Veränderungen, die in den letzten Jahrzehnten stattgefunden haben, betreffen immer auch die Familie und sie finden sich – unterschiedlich in der Ausprägung – überall in Europa. Es handelt sich nicht um einen nur für unsere deutsche Gesellschaft spezifischen Prozess.

Vielfalt von Familie

Die traditionelle Kernfamilie – mit Mutter, Vater, Kind(er) – befindet sich seit langem auf dem Rückzug. Sie existiert weiter, aber die in ihr gelebten Rollenmodelle sind für die meisten Familien in unserer Gesellschaft nicht mehr bestimmend. Viele Eltern kommen aufgrund eigener Erfahrungen in ihrer Ursprungsfamilie zu dem Schluss: „Das hat mir nicht gut getan; diese Form von Familie möchte ich für mich nicht leben.“ Neben der traditionellen Kernfamilie haben sich zahlreiche andere Familienformen etabliert. Das Spektrum ist breit und vielfarbig: Alleinerziehende, PatchworkFamilien, Homosexuelle mit und ohne Kinder, Adoptivfamilien, Pflegefamilien, der geschiedene Vater oder die geschiedene Mutter, die nur zeitweise mit ihrem Kind zusammenlebt, Familien mit Migrationshintergrund, Familien mit Eltern mit unterschiedlichen kulturellen oder ethnischen Wurzeln.

Familienplanung und Geburtenrückgang

Von besonderer Bedeutung für Familien und Gesellschaft waren und sind die Entwicklungsprozesse, die innerhalb der Medizin stattgefunden haben. Seit wenigen Jahrzehnten haben Eltern die Möglichkeit, ihre individuellen Vorstellungen zur Familienplanung umzusetzen.
Sie verfügen über die Option, die Zahl der Schwangerschaften und die Zahl der Kinder zu begrenzen oder auch ganz auf Kinder zu verzichten. Innerhalb von 50 Jahren ist es in Deutschland zu einer Halbierung der jährlichen Geburtenrate gekommen (von 1,4 Millionen auf knapp 0,7 Millionen Kinder pro Jahr). Als Konsequenz dieser Entwicklung hat sich auch die Zahl der Personen, die für eine Erwerbstätigkeit zur Verfügung standen, um 50 Prozent reduziert. Es überrascht deshalb nicht, dass Wirtschaft und Politik dringend daran interessiert sind, möglichst viele Frauen für den Arbeitsmarkt zu gewinnen und langfristig dort einzubinden, auch in der Phase nach der Geburt.

Rollenmodelle

Viele Generationen lang waren Männer und Frauen in ihren Rollen gefangen. Die Väter verstanden sich als Oberhaupt und Ernährer der Familie. Sie arbeiteten viel, um ihre Familie materiell gut versorgen zu können. An dem emotionalen Geschehen in der Familie waren die Väter fast gar nicht beteiligt. Die meisten Frauen waren auf ihren Haushalt und die Kinder begrenzt. Mit ihren Kindern verbrachten sie viel Zeit – verbunden mit der Chance, zu ihren Kindern eine persönliche Beziehung aufzubauen. Väter hatten normalerweise keine enge Beziehung zu ihren Kindern. Furcht und Distanz bestimmten deshalb häufig die Beziehung zwischen Vätern und Kindern. In persönlichen Gesprächen mit Kindern solcher Väter wird oft deutlich, wie viele dieser Kinder ihr Leben lang um die Anerkennung ihrer Väter gerungen haben.
Viele heutige Väter wollen nicht so werden wie ihre Väter. Sie wollen mehr Nähe zu ihrem Kind, wollen sich emotional einbringen, wissen aber nicht so richtig, an welchen Vorbildern sie sich orientieren können. Sie merken meist rasch, dass man nicht von Frauen lernen kann, wie man ein guter Vater wird. Ihnen ist klar, dass man dies eigentlich nur von anderen Vätern lernen kann – doch überzeugende Vorbilder sind rar.
Die besondere Nähe zwischen Mutter und Kind ist natürliche Folge der vielen Erfahrungen besonderer Nähe, die Mütter während der Schwangerschaft, unter der Geburt und beim Stillen machen. Väter sind an diesen Erfahrungen immer nur indirekt beteiligt. Für Väter ist es deshalb ungleich schwerer als für Mütter, eine eigene enge Beziehung zum Kind zu entwickeln. Die Frau kann ihren Mann bei dieser „Entdeckungsreise“ in ein neues Land unterstützen, indem sie ihn beispielsweise ermutigt, die Beziehung zu seinem Kind zu suchen und so zu gestalten, wie es seiner Art entspricht.
Hilfreich ist es, wenn sie darauf verzichtet, ihrem Mann zu vermitteln, dass sie sowieso alles besser kann als er. Beim täglichen Windelwechsel etwa kann sie signalisieren „Du machst es ganz anders als ich und das ist ok.“ Beide Partner sollten sich darüber verständigen, ob sie nur eine einigermaßen „gerechte“ Verteilung der Aufgaben wollen oder ob sie eine gemeinsame Verantwortung für ihr Kind leben wollen. Beide Konzepte unterscheiden sich sehr.

Beziehungskompetenz und Bindung

Eltern werden gewöhnlich dann in ihrem Kern emotional erreicht und verändert, wenn sie die bedingungslose Liebe ihres Kindes spüren. Sie erleben, dass sie wertvoll für ihr Kind sind und diese Erfahrung macht sie bereit, sich weiter auf die Beziehung zu ihrem Kind einzulassen und sich dabei kontinuierlich zu verändern. Die Beziehungskompetenz, die sie in ihrer Beziehung zum Kind entwickeln, wirkt sich auch auf alle anderen Beziehungen aus – auch auf Partnerschaft, Freundschaft und Beruf. Vater und Mutter sind gemeinsam die primären Bindungspersonen ihres Kindes. Wir wissen heute, dass diese Bindungsprozesse zwischen Mutter und Kind und zwischen Vater und Kind zu den zentralen Voraussetzungen gehören, damit sich Kinder gesund entwickeln und ihre Potenziale optimal entfalten können. Die wichtigste Lebensphase für diesen Bindungsprozess sind die ersten Lebensjahre des Kindes.

Andere Werte

Die Zeit gemeinsamer Wertvorstellungen ist lange vorbei. Noch vor zwei Generationen war ziemlich klar, was „richtig“ und „falsch“ war, und wie „man“ sich zu verhalten hatte. Diese Kriterien haben für viele in unserer Gesellschaft an Bedeutung verloren. Zu beobachten ist eine starke Individualisierung der Werte.
Und: Ohne dass wir es immer realisieren, orientieren wir uns in fast allen Lebensbereichen, eben auch im Bereich der Familie, an Regeln und Werten des Marktes.

Kinder

 werden immer mehr danach beurteilt – im familiären Umfeld, in Kitas, Schulen, im Freizeitbereich – ob sie gut funktionieren. Bei dieser Betrachtungsweise besteht immer die Gefahr, das Subjekt Kind aus dem Auge zu verlieren und mit ihm wie mit einem Objekt (einem Gegenstand) umzugehen. Die Frage, ob es dem Kind denn auch gut geht – in der Familie, in der Kita, in der Schule – steht nur selten im Zentrum des Interesses der für das Kind Verantwortlichen. Kinder, die nicht funktionieren, stören den Betrieb, egal ob in Familie, Kita oder Schule. Dank der Definitionsmacht der Erwachsenen werden aus Kindern mit einem „auffälligen“ Verhalten oft „verhaltensauffällige Kinder“, die einer Reparatur bedürfen – bei Psychologen, Ärzten, anderen Therapeuten. Oft geht es dabei vor allem um die Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit des Kindes. Nur wenige Eltern und Lehrer gehen der Frage nach, welche Situation oder welches Problem wohl dazu geführt hat, dass das Kind sich so auffällig verhält.

Ehe und Partnerschaft

sind heute gewöhnlich das Resultat einer persönlichen Entscheidung – ohne sozialen oder moralischen Druck. Trotzdem: Trennungen von Ehen und Partnerschaften sind häufig geworden, fast normal. Eine Trennung wird oft dann erwogen, wenn die Beziehung nicht mehr das „bringt“, was sich einer oder beide Partner hiervon erwartet haben. Paarbeziehung und Geschäft liegen manchmal ziemlich nah beieinander: Wenn es „nicht mehr läuft“, geht man getrennte Wege. Trennungen werden in großer Zahl vollzogen, obwohl sie ohne jeden Zweifel zu den traumatischsten Erfahrungen in der Biographie von Paaren und Kindern gehören. Dabei ist es in aller Regel gut möglich, den Weg von der Verliebtheit zur Liebe zu gehen.

Familientätigkeit und Erwerbstätigkeit

 waren über Generationen fast vollständig voneinander getrennt. Tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen auf vielen Ebenen – u. a. die Emanzipation der Frau, der dramatische Geburtenrückgang, die Anforderungen und Belohnungen unseres Wirtschaftssystems, die neue Rollenverteilung in der Familie – haben dazu geführt, dass viele Frauen heute erwerbstätig sind. Von großem Vorteil ist es, wenn sich beide Eltern frühzeitig darüber unterhalten, wie sie Erwerbstätigkeit und Familientätigkeit so gestalten können, dass es allen Beteiligten, Kindern und Eltern gut oder so gut wie eben möglich geht. Für manche Eltern ist es eine Option, die Erwerbstätigkeit in den ersten Jahren nach der Geburt zu reduzieren; für andere kommt diese Möglichkeit nicht in Frage. Jede Familie ist anders – jede Familie muss die für sie richtige Antwort finden.
Inhaltlich eng verknüpft mit dieser Thematik ist die Frage der „besten“ Betreuung von Kindern in den ersten Lebensjahren. Abzuwägen ist zwischen der innerfamiliären und der außerfamiliären Betreuung. Dabei ist unbestritten, dass die Impulse für den flächendeckenden Aufbau von Kindertageseinrichtungen nicht von den Eltern, sondern aus Politik und Wirtschaft kommen. Eltern werden auf dem Arbeitsmarkt dringend benötigt; Ausfälle sollen so kurz wie möglich sein. Die Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex macht vielen Eltern erhebliche „Bauchschmerzen“. Es gibt keine einfachen Antworten. Jede Familie braucht Zeit und Geduld, um zu einer für sie überzeugenden Lösung zu kommen. Günstig ist, wenn die Eltern sich in regelmäßigen Abständen zusammensetzen, um zu überlegen, ob eine einmal getroffene Entscheidung auch jetzt noch gut ist. Ist die Mutter noch mit ihrer Entscheidung zufrieden? Wie geht es dem Vater? Wie geht es dem Kind? Bisweilen müssen Entscheidungen, die man noch vor einigen Wochen für gut gehalten hat, revidiert werden.

Erziehung

Auch für die Erziehung wünschen sich viele Eltern – wie bei anderen Artikeln des täglichen Gebrauchs – Gebrauchsanweisungen, Methoden, Werkzeuge, die dafür sorgen, dass ihr Kind sich so verhält, wie sie es sich vorstellen. Eine Methode etwa, die sicherstellt, dass das Kind dann einschläft, wenn die Eltern es sich wünschen. Vorrangig geht es oft darum, das Verhalten des Kindes in die von den Eltern gewünschte Richtung zu beeinflussen. Dieses Erziehungsverhalten ist weit verbreitet, nicht nur in Familien, auch in pädagogischen Institutionen. Zu den gängigen Werkzeugen der Erziehung gehört auch heute noch die Anwendung von körperlicher (50 Prozent der Eltern) oder verbaler Gewalt – zum Nachteil von Kindern und Eltern. Kinder verlieren bei dieser Form der Erziehung ihre Fähigkeit zur Empathie und zur Eigenverantwortung; die Entwicklung ihres Selbstwertes bleibt auf der Strecke. Eltern verlieren ihre persönliche Integrität. Die Eltern-Kind-Beziehung ist dauerhaft beschädigt.

Herausforderung für alle Eltern

Die große Herausforderung für alle heutigen Eltern – unabhängig von ihrem sozialen Status – besteht darin, einen Weg zu entdecken und dann auch zu gehen, der für alle Mitglieder der Familie gut ist und der die Bedürfnisse und Grenzen jeder Person berücksichtigt. Jede Mutter, jeder Vater und jedes Kind ist ganz anders als alle anderen. Es gibt keine Rezepte, die für alle Familien anwendbar sind. Die Führung innerhalb der Familie kommt den Eltern zu; nur sie verfügen über die hierfür nötige Erfahrung. Dabei müssen sie lernen, ihre elterliche Macht so zu gebrauchen, dass sie wenig Schaden macht. Zu den Werten, die sich als Orientierungspunkte bewährt haben, und die auch transkulturell gültig sind, gehören Gleichwürdigkeit, Authentizität, persönliche Verantwortung und persönliche Integrität. Diese Werte zu entdecken und zu leben, ist für jede Form der Beziehung höchst bereichernd, gerade auch für die Eltern-Kind-Beziehung.

Prof. Dr. Hannsjörg Bachmann, Dr. Rainer Siegmund